Frieda Freier, undatiertes Foto, um 1970

Frieda

Neunerlei Leben




Einleitung

Das Jahr 1885 neigte sich seinem Ende zu. Zwei Tage nach Weihnachten, dem alljährlichen Fest zu Ehren Jesu Geburt, kam ein Mensch zur Welt, der mein Leben mehr als der Heiland bestimmen sollte, ohne den ich gar nicht auf der Welt wäre.
In wenigen Stunden wird der neue Erdenbürger geboren werden. Wir haben noch Muße, einen Blick auf den Ort und die Zeit des Geschehens zu werfen.
Die Ereignisse, von denen im Folgenden berichtet wird, beginnen vierzehn Jahre nach der deutschen Reichsgründung im Königreich Sachsen. Kaiser Wilhelms I. Herrschaft war wesentlich vom Wirken seines Reichskanzlers und preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck geprägt. Der deutsche Kaiser war zugleich auch der preußische König.
1871 war der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert worden. Der Deutsch-Französische Krieg war zu Ende, Kaiser Napoleon III. in deutsche Gefangenschaft geraten. Wilhelm I. hatte damals noch als Kronprinz 1848/49 die Revolution niedergeschlagen. Bei seiner Krönung versprach Wilhelm I., „allzeit Mehrer des Deutschen Reichs zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiet nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung“ teilzunehmen.
Davon war hier im armen Erzgebirge nicht viel zu merken. Wer Glück hatte, konnte ein Stück Land bearbeiten oder sich ein paar Tiere halten. Die meisten Menschen in dieser Gegend in der Nähe zur Grenze nach Böhmen arbeiteten in den umliegenden Fabriken, Sägemühlen, fertigten in Heimarbeit Holzspielzeug an und mussten zusehen, wie sie über die Runden kamen. Niederseiffenbach gehört zum Herrschaftsgebiet der von Schönberg auf Purschenstein. Im Königreich Sachsen, das Mitglied des Deutschen Reiches war, regierten die Wettiner, seit 1873 saß Albert auf dem Thron.
Die Monarchie hatte viele Herren. Sie waren allzeit Mehrer des Deutschen Reiches, das in ihre Hosentaschen und Geldsäckel zu passen schien. Gerechterweise muss hinzugefügt werden, waren König Albert und vor ihm sein Vater, König Johann, darauf bedacht, die Wirtschaft in Sachsen anzukurbeln, und bemühten sich, das Wohl der Schöpfer ihres Reichtums nicht außer Acht zu lassen. Im Oktober 1861 trat das neue Gewerbegesetz in der Regierungszeit Johanns in Kraft. Neben der Einführung der Gewerbefreiheit in Paragraf 1 enthielt es auch zahlreiche wichtige sozialpolitische Vorschriften, die für Sachsen als Industrieland einen erheblichen Stellenwert besaßen. Das gilt beispielsweise für das Problem der Kinderarbeit, die Regelung der wöchentlichen Arbeitszeit in Industriebetrieben, die soziale Krankenversicherung, die Frage der Rentenansprüche im Alter sowie den Schutz der werdenden Mütter. Dieses Gesetzeswerk steckte noch immer in den Anfängen. Die Kinderarbeit mochte in den Fabriken endlich einer Kontrolle unterliegen, bei den vielen Heimarbeitern war es nicht denkbar, auf die kleinen helfenden Hände zu verzichten.
Johann und auch Albert waren sich offenbar bewusst, welche Probleme das von den Wettinern regierte Sachsen als Industrie- und Gewerbeland lösen konnte und musste. Albert hatte noch zusätzlich das große Glück, dass seine Gemahlin Carola ebenfalls eine große Verantwortung vor allem auf sozialem Gebiet mitzutragen bereit war. In Sachsen, vor allem auf dem Land, sah es weiter ärmlich aus.
Die Geburt, von der gleich berichtet werden soll, fand statt im kleinen 500-Seelen-Ort Niederseiffenbach, der im Erzgebirge nahe Böhmen mitten im Miriquidi liegt, unweit von Seiffen und Olbernhau. Die ledige werdende Mutter lebte bei ihren Eltern im Armenhaus des Ortes, Haus Nummer 29 B.
Genug der Vorrede. Kommt, leise. Wie geht es weiter? Ist das Baby geboren? Seid stumme Zeugen von den Ereignissen, die ein langes Menschenleben ausmachten. Die die Wurzeln von meinem Leben sind.



1885 – Ein Kind der Liebe

Die 25-jährige Auguste stöhnte. Dieses Weihnachten lag schwer auf ihrer Brust. Sie selbst und ihre Eltern waren nicht besonders froh über die Ankunft des neuen Erdenbürgers.
Auguste wurde zum zweiten Mal Mutter und konnte nicht mehr mit den anderen zu Weihnachten durch die Dörfer ziehen. Sie hatten ihren Spaß gehabt, sich dabei übertroffen, Unfug und Klamauk zu treiben. Manchmal war Auguste auch in Olbernhau zum Weihnachtsmarkt gegangen. Dort roch es einfach himmlisch.
Auguste hatte noch so viel Liebe von ihrem ersten Kind übrig. Der kleine Junge war am 28. Juni vor drei Jahren auf die Welt gekommen. Er sah so gesund und rosig aus. Fünf Tage nach seiner Geburt war er tot. Auguste war traurig gewesen und hatte für lange Zeit ein „anständiges“ Leben geführt. Die Lust am Leben war zum Glück nicht mit dem Kind gestorben. Das war wohl auch der Grund, warum sie nun wieder in den Wehen lag. Und hoffte. Für sich und das Kind.
Die Wehen hatten nach Heiligabend stärker in ihrem Unterleib gezogen. Auguste hätte auf ihre strengen Eltern hören sollen. „Und komm mir ja nich mit nem Päckl unner der Scherze nach Hause“, hatte die Mutter ihr ständig hinterhergerufen, wenn sie zum Tanz ging. Aber wie sie eine Schwangerschaft vermeiden konnte, hatte sie ihr nicht gesagt. Reichte ein Kuss, um schwanger zu werden? Aber Auguste wollte leben, beim Tanzen vergaß sie ihr armes Leben als Dienstperson, als kaum wahrgenommene Magd, noch immer bei den Eltern im Armenhaus wohnend. Sie tanzte gern und es gab einige fesche Männer im Ort, die wussten sie gut dabei zu halten. Wenn die Fatzer, die wandernden Bergmusikanten aus dem Böhmischen, auf den Jahrmärkten aufspielten, gab es für Auguste kein Halten mehr. Ihre Eltern bedrängten sie mit Fragen zum Vater des Kindes. Auguste schwieg beharrlich, denn er würde ja doch nicht für sie und ihr Kind sorgen können.
Eine heftige Wehe riss sie aus ihren Gedanken. Heute, an Stephanus, schien ihr Kind auf die Welt kommen zu wollen. Die Hebamme hatte in der Küche das warme Wasser bereitet, die Mutter legte Handtücher auf den Tisch in der Stube. Vor zwei Tagen hatten sie hier gesessen und ein stilles Bornkinnel-Fest gefeiert. Der Vater, Friedrich Pflugbeil, verteilte an seine Frau Amalie und Auguste die letzten Nüsse, die er im Herbst gesammelt hatte.
Friedrich war Gemeindediener und Totenbettmeister. Als Gemeindediener oder auch, wie die Leute sagten, als Ausscheller, rief er nebenberuflich die amtlichen Bekanntmachungen aus. Starb einer im Dorf, so kümmerte sich Friedrich um das Grab. Er gräbt die letzten Ruhestätten auf den Friedhöfen in Niederseiffenbach und Heidersdorf und teils auch in Seiffen wie eh und je mit Hacke und Spaten bis zu 1,60 Meter tief in die Erde. In der Erde, in die ein neues Grab geschaufelt wird, befinden sich auch nach 20 Jahren Liegezeit noch Knochen des Vorgängers. Wenn er sich per Hand in die Tiefe vorarbeitet und auf Knochen stößt, hüllt er sie diskret in ein Tuch. Friedrichs Respekt vor den Toten bedeutet für ihn jede Menge Mühe. Zweieinhalb bis viereinhalb Stunden braucht er pro Grab – je nach Boden und Wetter. Wenn die Kälte im Winter den Boden steinhart gefror, hat der Totengräber es besonders schwer. Ein halber Meter Frost – das ist die Obergrenze, die mit Hand zu schaffen ist. Dann kommt er jedoch auch mit dem Spaten nicht weit, sondern greift zu Vorschlaghammer und Meißel. Berührungsängste, tief in die Gruben zu steigen, in denen später Leichen liegen, hatte Friedrich nie. Etwas mulmig war ihm anfangs allerdings beim Kontakt mit den Leichen. Die einzig schwierigen Situationen waren für ihn nur, ein Grab für seine Kinder oder Enkel auszuheben. Oder wenn er tief in der Erde beim Schaufeln eines Grabes auf Wachsleichen stößt. Diese entstehen, wenn der Körper nach der Bestattung durch hohen Ton- oder Lehmanteil in der Erde hermetisch abgeriegelt wird, kaum Sauerstoff und Bakterien an die Leiche gelangen und diese darum nur wenig zersetzt wird. Selbst nach 25 Jahren sind die Körper dann weitestgehend erhalten. Letzteres kam zum Glück nicht häufig vor.
Da diese beiden Aufgaben für die Gemeinde nicht so viel Geld einbrachten, um die Familie ernähren zu können, suchte sich Friedrich andere Tätigkeiten, für die er abends entlohnt wurde. Er war Tagelöhner.
Seine Frau und auch Auguste nähten Posamente. Aus Zwirnen und Fäden und Garnen und Stricken strickte, häkelte, spann, wirkte, klöppelte, flocht die Mutter die wundervollsten textilen Gebilde. Auguste mochte diese Arbeit nicht sonderlich, aber ihre Mutter war oft 16 Stunden am Tag mit dem Nähen und Besticken der Borten, Fransen und Quasten beschäftigt. Auguste musste ihr helfen, damit die Mutter die vom Verleger geforderte Menge abliefern konnte.
Zum Glück musste die Hebamme nicht bezahlt werden. Seit Bismarck vor zwei Jahren beschlossen hatte, „die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte“, war es jedenfalls etwas besser geworden. Die Einführung der Krankenversicherung half zumindest, diese Geburt finanziell auszuhalten. Sie musste die Geburt nur überleben! Auguste versuchte, sich abzulenken.
Ihre Herrschaft hatte sich eine andere Köchin suchen müssen, um das traditionelle Neunerlei auf den Tisch zu bekommen. Seit ein paar Jahren arbeitete Auguste als Dienstperson und wollte sich nicht beklagen. Sie zählte für sich die Zutaten für das Weihnachtsessen hier im Erzgebirge auf:
Brotworscht mit Linsen, dass im neie Gahr `s klaane Gald net ausgieht.
Harich mit Äppelsalat – Hering gab es oft. Wenn er 14 Tage in Salzlake und weitere 14 Tage kaltgeräuchert wurde, konnte man ihn sehr preiswert für einige Pfennige kaufen. Hering war schon im Mittelalter als Standartfastennahrung bis in den Süden Europas verbreitet. Der Erfolg der Hanse basierte zum Teil auf den Fang und die standardisierte Verarbeitungsweise dieses Fisches.
Auguste würde gern einmal das Meer sehen. In dem von Wäldern, Bergen und Wiesen umgebenden Dorf konnte sie sich die Weite des unendlichen Wassers nicht vorstellen. Sie hatte gehört, dass man bis zum Ende der Welt blicken konnte. Bis zum Horizont nur Wasser, das Blau des Meeres ging in das Blau des Himmels über. Auguste schloss die Augen und durch ihren Körper ging eine Wehe nach der anderen, die sich wie die Wellen des fernen unbekannten Meeres in ihrem Körper aufbauten, immer stärker wurden und dann langsam wieder abebbten. Die Hebamme sah auf die Uhr im Zimmer, streichelte Augustes Arm und summte leise vor sich hin. „Es kann nicht mehr lange dauern“, flüsterte sie Auguste zu. „Versuche, ruhig zu atmen. Noch nicht pressen!“ Eine Minute später sagte sie: „Gleich, Auguste, kommt die nächste Wehe. Atme genauso wie ich, dann kannst du sie gut aushalten.“ Kurz danach spürte Auguste die Welle des Schmerzes ihren Körper durchströmen und sie atmete im Gleichklang mit der Hebamme. Sie glaubte ganz fest daran, es würde gut gehen; sie und das Kind würden leben und bald, schon bald würde es soweit sein. Auguste nahm ihren Gedankengang wieder auf.
Grütze mit Waldbeeren – die gab es zum Glück auch vorgestern bei ihnen. Vater hatte einige Beeren getrocknet, die sie gesammelt hatte, und verwöhnte so auf seine Art seine hochschwangere Tochter. Wie auch sonst sollte er seine Liebe zeigen. Für Gefühlsduseleien war in seinem Leben kein Platz.
Sammelmillich, dass de Klippelspitzen schie weiß bleibn.
Ruter Rübnsalat, dr macht schine rute Backle. – Auguste musste lächeln. Sie stellte sich ihr Kind vor, wie es in ein paar Jahren mit kleinen wulstigen Babyhänden nach dem Löffel greifen würde und ihren Rübensalat in seinen Mund stopfen, sich dabei beschmieren würde, so dass nicht nur die Backen rot leuchten würden. Der Rübensalat gelang Auguste immer sehr gut. Ihr Vater aß ihn gern, vor allem wenn sie ihn zubereitete.
Selleriesalat – kichernd hatte ihre Mutter mal gesagt, dass dieser Salat den Männern die Manneskraft erhalten würde. Auguste verstand das nicht und war noch mehr erstaunt über das Verhalten ihrer Mutter, die sie sonst kaum lachen sah.
Gänsebrotn mit Blaukraut – hier lief Auguste das Wasser endgültig im Mund zusammen. Als die nächste Wehe kam, wusste sie nicht gleich, dass es eine ist, es hätte auch ihr knurrender Magen sein können. Aber dieses Gefühl war ihr bekannter als diese in immer kürzeren Abständen kommenden Wehen.
Eine Unendlichkeit dachte Auguste an nichts. Sie tauchte hinein in dieses schwarze Loch in ihrem Körper, bis die Stimme der Hebamme wieder in ihr Bewusstsein drang. Sie kehrte zu ihren Gedanken zurück und hatte auf einmal den Geruch von Rotkohl und Gänsebraten in der Nase. Sie schloss die Augen und versuchte zu schmecken. Aber ihr Mund war so ausgetrocknet, dass sie sich nicht den Geschmack ins Gedächtnis rufen konnte. Es wird wieder bessere Zeiten geben, schwor sie sich. Ich schaffe das, auch mit dem Kind. Trotz allem freute sie sich auf dieses Kind. Es war ein Kind der Liebe – und vielleicht des Leichtsinns.
Kließ, soll`n viel grußes Gald eibrenge. – Ja, ein paar Klöße gab es auch gestern. Und vorgestern. Aus Kartoffeln machten sie fast jeden Tag eine Mahlzeit. Aber das große Geld hatte noch nicht den Weg in dieses Haus gefunden.
Süß-saure Schwammeeintropf, Brot und Salz.
Jetzt war das Neinerlaa zum Heilig Ohmd beisammen. Sie würde ihrem Kind die Pilze im Wald zeigen, die es sammeln konnte. Solange Schwammeln im Wald wuchsen, waren im Herbst manche Mahlzeiten gesichert.
Der Wind pfiff um das Haus, der Winter hielt sich gern lange in dieser Gegend auf. Auguste schwitzte unter der Anstrengung der Geburt. Frieda bahnte sich mit aller Kraft ihren Weg ins Leben, schrie der Kälte entgegen und verschwand nach einem prüfenden Blick der Hebamme in den angewärmten Tüchern. Nach der Anstrengung der Geburt machte Frieda bald ihrem Namen alle Ehre: Friedlich schlief sie neben ihrer erschöpften Mutter. Sie lebten, alle beide.